Boule Boule

Ein Märchen

Das Märchen von einem, der auszog, das Boulespielen zu lernen

 Es war einmal ein Mettmanner, der war von seiner Firma in Vorruhestand geschickt worden und hatte von nun an eine Menge Zeit. „Was tun damit?“ fragte er sich und erinnerte sich an ein Erlebnis vor einigen Jahren in Erkrath. Zufällig hatte er den Boulespielern an der Gerberstraße zugesehen.

Ein gewisser Leo hatte ihn gefragt, ob er mal mitspielen wolle und weil er noch etwas Zeit hatte, ließ er sich drei Kugeln geben. Leo sagte ihm immer, was er machen sollte, und der Mettmanner machte es wohl ganz gut, sodass Leo am Schluss den anderen zurief: „ Zu Null, mit einem Anfänger ……… sagenhaft.

“Nun, genau genommen am 10. März 2003, an seinem ersten freien Tag, fuhr der Mettmanner erneut nach Erkrath. Er setzte sich wieder auf eine Bank am Bouleplatz und wurde schon nach wenigen Minuten gefragt, ob er mitspielen wolle. Und damit begann eigentlich das Märchen.

„Wir spielen 365 Tage im Jahr“ rief einer „und Du kannst gerne immer kommen“ stimmten die Anderen ein. Sie hießen Hans, Eddy, Karl-Heinz, Christel, Ali, Rolf, Renate und Klaus. Der Mettmanner hieß auch Klaus. Weil es schon zwei Kläuse im Club gab, nennen wir ihn von nun an einfach „Klaus 3“. Klaus 3 verstand das Spiel ziemlich schnell. Die etwas schwächeren Spieler und die „Mädchen“ fingen immer an und sollten ihre Kugeln immer so nah wie möglich an die kleine Holzkugel, die alle die „Sau“ nannten, rollen. Die guten Spieler wie Hans, Karl-Heinz und Rolf waren für die schwierigen Aufgaben da. Diese bestanden überwiegend darin, Kugeln, die zu nahe an der Sau lagen, wegzuschießen. Klaus 3 hatte schnell heraus, dass es hier drei Techniken gab. Rolf setzte seine Kugeln immer schon kurz vor dem Abwurfkreis auf, was sie „raffeln“ nannten. Hans schoss mit einer eigenartigen Drehbewegung die zu entfernenden Kugeln auf dem direkten Weg aus der Luft ab, und war damit ziemlich erfolgreich. Karl-Heinz hingegen setzte seine Kugeln immer kurz vor der Zielkugel auf und traf fast immer, wobei oft auch seine geworfenen Kugeln im Spiel blieben. Dann rief er stets: „mit Stillstand“ und bekam sofort von allen Beifall.

Diese Technik gefiel dem Mettmanner am besten und das wollte er lernen. Jedoch die ersten Monate durfte er nur rollen oder „legen“ wie sie es nannten. Einmal kam irgendwie die Gelegenheit in der Klaus 3 im Kreis stand und nach Lage der Kugeln eigentlich hätte schießen müssen. An der Ausholbewegung erkannten alle blitzschnell: Klaus 3 will schießen. „Nicht schießen, bist Du wahnsinnig“: riefen seine Mitspieler wie aus einem Mund, und Klaus 3 durfte wieder einige Monate nur „legen“.

Im Spätsommer kam wieder eine solche Gelegenheit. Klaus 3 hatte sich ein bisschen Mut angetrunken (einer hatte Geburtstag und es hatte Sekt gegeben). Dieses Mal ließ er sich nicht bremsen und schoss…… Leider mit katastrophalen Folgen. Er traf, aber die falschen. Das bedeutete wieder Monate rollen, rollen, rollen……. Klaus 3 wurde traurig und überlegte, ob er nicht zum Beispiel zum Golf wechseln sollte (da kann man auch keinen weg schießen). Doch er blieb zäh und hatte eines Tages Erfolg.

Wieder hatte es Sekt gegeben, und dieses Mal „saß“ sein Schuss, sogar „mit Stillstand“. Das hatte zur Folge, dass Hans, der Chef, ihm „Prokura“ erteilte. Von nun an ging’s bergauf. Klaus 3 hatte gehört, dass auch nachmittags geboult wurde und hat dann einige Male mit Ramon, Herbert, Michael, Dieter, Heinz und anderen gespielt. Dabei hat er dann immer mal zu den äußeren Spielfeldern herübergeschielt und gelauscht.

 Da spielten dann die „Ligaspieler“, die er nur aus der Erkrath Boule kannte. Sie benutzten Ausdrücke wie „carreau sur place“ und „la portee“ und nahmen offensichtlich alles sehr, sehr ernst. Viele waren Raucher und ließen, wenn sie in den Kreis mussten, einfach ihre Zigarette aus dem Mund auf die Erde fallen. Andere, einer hieß H., scharrte immer mit den Füßen und warf seiner Kugel fürchterliche Schimpfworte nach, wenn sie das Ziel verfehlte. Es störte ihn dabei auch nicht, dass zuschauende Mütter ihre Kinder erschrocken wegzogen. Oft sah Klaus 3 auch solche Ligaspieler, die stundenlang alleine spielten und dabei immer nur „Schießen“ übten. Sie waren offenbar viel zu gut, um mit ihm und den anderen zu spielen.

 Klaus 3 begann zu träumen. Einmal so gut sein, einmal gegen Jürgen, André, Miguel, Falko, Sylvia, Norbert oder Harry und Ekk spielen……. Offenbar hatte ihn Teutates, der Boulegott, erhört. An einem Samstag im Dezember fand das Memorial-Turnier zur Erinnerung an die Verstorbenen statt. Klaus 3 war zufällig am Platz und ließ sich überreden mitzuspielen, weil die Zahl der anwesenden Topspieler zufällig ungerade war und dringend ein „Lückenbüßer“ gebraucht wurde.

Und es geschah das Unfassbare. Mit drei Siegen, u.a. gegen den großen Miguel, erreichte Klaus 3 das Finale. Gegen Jürgen, den gigantischen. Den Jürgen, der fast auf jeder Seite in der „Erkrath Boule“ lobend erwähnt war. Der Jürgen, der auf zahllosen Turnieren Ruhm und Ehre erworben hatte und der wie aus verschiedenen Gesprächen gehört, noch jeden seiner Würfe, auch wenn sie Jahre zurücklagen, schildern konnte.

Das Spiel begann und Jürgen war freundlich aber äußerst siegessicher. Als es zu seiner Überraschung aber 11 zu 11 stand glaubte der kleine Mettmanner seinen Ohren nicht zu trauen. „Scheißraffelkopp“ sagte Jürgen und noch mal „Scheißraffelkopp“. Er lachte zwar dabei, konnte eine gewisse Verärgerung aber nicht verbergen. Klaus 3 war konsterniert. Es war doch nur ein Spiel. Keiner wollte ein Denkmal vom Sockel stoßen. Und Klaus 3 hatte sehr erfolgreich geschossen, aber nicht wie Jürgen, sondern wie er es bei Karl-Heinz gelernt hatte. Klaus 3 hatte verstanden und verlor das Spiel folgerichtig, was bei Jürgen sofortige Gratulation auslöste. „Klasse gespielt, Klaus 3“ sagte er und strich die Siegprämie ein. Wahrhaft ein Star.

Zu Hause hat Klaus 3 dann im Boulelexikon nachgelesen. Dort stand: „le tir devant“ = Schrap- pschuss vor das Eisen, „eine Schusstechnik nur für Spitzenspieler.“ Klaus 3 lehnte sich gemütlich im Sessel zurück, öffnete eine Flasche KÖPI und murmelte zufrieden: „ Prost“