Boule Boule

Boule will Dich so wie Du bist!

Wunderbar erzählt, gefunden auf der Homepage unserer Boulefreunde aus Essen. Viel Spaß beim Lesen! Norbert 21.05.2012

Das Spiel für die Seele

Boule ist das gefühlvolle Werfen von Eisenkugeln über einen Sandplatz.
Vor allem aber: französische Lebenskunst pur. Mitmachen kann jeder.

Papazian ist Philosoph. Eine Berufsbezeichnung, die der Mensch im Süden Frankreichs auch ohne Studium führen kann. Eine dunkelgraue Baskenmütze beschattet sein zerfurchtes Gesicht. Er sitzt auf einer Bank unter Platanen auf der Place des Lices. Die Zigarette hält er in der linken Hand, als wollte er sie wiegen. In der rechten liegen zwei Eisenkugeln. Sie sind mit Kratzern und Kerben übersät. “Es gibt zwei Sorten von Männern”, sagt Papazian. Er zieht an der Zigarette, Kunstpause. “Die einen hetzen auf dem Rasen wie die Verrückten dem Ball hinterher, Bon. Die anderen …,” er lächelt, so wie die Alten nun mal lächeln, die aus Erfahrung klug geworden sind, “die anderen schieben lieber eine ruhige Kugel.”
Voila, c’est ca. Das ist Boule.

Unternehmen wie Mercedes-Benz oder L’Oreal schicken ihre Führungskräfte zu Papazian nach St-Tropez. Er gibt den gestressten Managern, Handelsvertretern oder Ingenieuren zuerst die Kugel und lehrt sie dann, dass Boule “ein Spiel für die Seele” ist. Eine entspannte Lebensart. Ihr Geheimnis, so Papazian , laute: Erlerne die Ruhe des Südens! Überlass die Adrenalinschocks den Verrückten! Entspanne im gemütlichen Wettstreit!

Anders gesagt: Boule ist die konsequente Fortsetzung des Savoir-vivre.

Mit seinem Freund Jean Leger führt Papazian den Club “La Boule Tropezienne”. Der penible und korrekte Jean ist der Vorsitzende. Der Charmeur Papazian gibt den Mann für die Außendarstellung, den idealen Repräsentanten für einen Ort wie St-Tropez. Das Fischerdorf gilt immer noch als Treffpunkt des Jetsets, der alternden Millionäre und der immer jungen Playboys. Für Boulespieler ist St- Tropez zudem ein “mythischer Ort”, wie Jean behauptet. “Hier muss man gespielt haben!” In St-Tropez hat ein regelrechter Boule-Tourismus eingesetzt. “Auch wenn die meisten von ihnen noch nicht unser Niveau erreichen, wir lassen sie trotzdem mitspielen”, sagt Jean. Manche der Gäste kommen mehrmals im Jahr, um den Alten ihre Tricks abzuschauen.

Die wunderschöne und altehrwürdige Place des Lices ist von Bars, Restaurants, Boutiquen, Hotels und Lebensmittelgeschäften umsäumt. Der Mittelpunkt des Lebens von St-Tropez. Eine ideale Bühne für Boule.  Das Schauspiel beginnt. Raymound der Poet tritt auf. Seine Glatze bedeckt eine beigefarbene Schiebermütze, die er niemals absetzt. Warum die anderen ihn so nennen? Weil er ein Idealist ist, dem die Schönheit des Spiels über alles geht. Was er wirklich macht? Ist doch egal. Auf die Place des Lices kommen die Menschen, um zu vergessen, was sie wirklich machen.  Raymound steht im Abwurfkreis wie im Scheinwerferlicht. Er setzt sich in Pose. Raymound ist ein “pointeur“, einer, der das gefühlvolle Legen der Eisenbälle möglichst nah an die kleine Zielkugel beherrscht, an das “cochonnet“, das Schweinchen. Raymound streichelt seine Kugel, lässt sie locker in der Hand kreisen, um sie dann mit traumhafter Sicherheit einen Zentimeter neben die hölzerne Sau zu platzieren.

Das ist vom Gegner kaum besser zu machen. Also muss Raymounds Kugel aus dem Weg geschossen werden. Noèl muss ran. Er ist der wortkarge Sprengmeister, im Boule-Jargon “tireur” genannt. Die kompliziertesten Kugelstellungen bombt er mit einem einzigen Wurf auseinander. Meist hält er seine rissigen Hände vor seiner Gürtelschnalle gekreuzt und beobachtet mit zusammengepressten Lippen die Partie. Erst wenn er gebraucht wird, lebt er auf. Er haucht kurz in seine geballte Hand. Dann tritt er an. Bei ihm sieht der Wurf so aus, als schmeiße er eine Handgranate in den feindlichen Graben.  Noel kann jedoch mehr als nur zerstören. Er liebt es, den schwierigsten aller Würfe zu bringen. Diesmal hat er ihn auch noch mit einem “retro“, einem Rückdrall, versehen. Seine Kugel knallt die feindliche weg; die reißt noch eine weitere mit, während Noèls Kugel plötzlich kehrt macht und auch noch zart gegen das anfangs überrundete “cochonnet” tippt – der Königswurf!

Eigentlich ist Boule ein einfaches Spiel, kompliziert ist nur die Taktik. Die einen legen eine Kugel nahe ans Ziel, die anderen müssen entweder dichter ran oder die gegnerische wegschießen – aus dieser simplen Konstellation ergeben sich die vielfältigsten Möglichkeiten. Hier beginnt der so beliebte Boule-Ritus: fragen, schauen, beurteilen. Wie gut liegt die Kugel des Gegners? Legen oder schießen? Dann erst die Entscheidung, die Konzentration, der Wurf. Das “bien joue“, der Jubel. Oder das “merde“, das Lamentieren.

Während Papazian seine Kugel mit dem Lappen vom Staub säubert und sich auf seinen Wurf vorbereitet, lassen die anderen ihre Murmeln aus Eisen in den Händen aneinander klacken. Eine geradezu sinnliche Untermalung. Jeder hält die Kugeln auf seine Weise. Aber eines ist ihnen allen gemeinsam: Sie sind zärtlich zu ihren Spielgeräten. Die Finger tasten gedankenvoll die Rundungen ab. Niemals legen sie ihre Kugeln beiseite. Es hat schon etwas Machohaftes, wie sie ihre Boulekugeln behandeln. Eben noch liebevoll von allen zehn Fingern umworben, Sekundenbruchteile später Bombe, Rammbock, Geschoss. Papazian bringt sich in Stellung. Er lässt seine Kugel durch die Finger gleiten und beschwört die magische Freundschaft zwischen Hand und Eisen: “Ist die nicht da, kann man auch nicht gut spielen.”

Papazian ist ein Künstler, der die graziösesten Würfe inszeniert. Der Verlauf der Kugel spiegelt sich in seiner Mimik wider. Er möchte, dass sie seiner Stimme gehorcht. Er beschleunigt oder bremst ihren Lauf. Er feuert sie durch Gesten an und treibt sie durch Schulterbewegungen nach vorn. Er mäßigt sie mit der Hand; auf Zehenspitzen tänzelnd, mit ausgestreckten Armen verleiht er seinem Körper die eigenartigsten Bewegungen. Es scheint, als sei seine Seele in die Kugel gewandert – der Eisenball rollt so nah an das “cochonnet“, dass nicht mal ein Blatt Papier dazwischenpasst. Papazian ist mal wieder von sich selbst überwältigt. Er reißt die Arme hoch: “Ich bin ein Siegertyp!”
In der nächsten Runde verliert Papazian mit seinen Partnern, weil er den letzten Wurf total vermasselt.

Die Fanny küssen

Ein Glück für ihn, dass er das Spiel nicht zu null vergeigt hat. Dann hätten er und seine Mitspieler die Fanny küssen müssen. Raymound der Poet erzählt von dieser Boule-Sitte und lacht sich dabei kaputt. Fanny war der Legende nach ein kurvenreiches Mädchen aus Lyon und hatte einen Hintern, der so breit war wie ein Bidet. Sie schaute den Boulespielern zu, hob für die Verlierer ihre Röcke und entblößte ihr nacktes Hinterteil, das dann zu küssen war. Heute hängt in fast jeder Boule-Bar eine Karikatur der Fanny als Bild oder Ikone, mit hoch gehobenem Rock, versteht sich, und der liebevollen Aufforderung: “Baiser la Fanny!”  Schwer zu sagen, ob Boule ein Sport, eine Weltanschauung oder doch nur ein Spiel ist. Oder schlicht ein “amusement”, wie Jean meint. Fest steht: über den Tag verteilt, geht ein Spieler einige Kilometer. Die meiste Zeit betrachtet man den Boden. Man berechnet Abstände, fuchtelt mit den Händen, reißt seine Witze und versucht dauernd den Gegner abzulenken. Und danach geht’s in die Bar.  Noel, Raymound, Jean und Papazian stehen in “Le Cafe” an der Theke. Sie schwärmen von ihrer Leidenschaft. Jeder könne mitmachen: der Übergewichtige, der Untrainierte, sogar der Unsportliche. Das mache Boule so liebenswert – und zum demokratischsten aller Spiele. “Boule …”, sagt Papazian. Bevor er weiterredet, genehmigt er sich erst mal einen Schluck von seinem Petit Rouge, ”Boule will dich so, wie du bist.”

BOULE IN ST-TROPEZ. Hier macht’s am meisten Spaß.

An der Cote d’Azur und in der Provence gibt es in jedem Dorf Bouleplätze.
Die schönste Sandbahn liegt auf der herrlichen Place des Lices in St-Tropez. Dort treffen sich am Nachmittag die Boulespieler. Der Verein “La Boule Tropezienne” hat seinen Sitz direkt am Platz im “Cafe des Arts”, ein weiterer Treffpunkt ist “Le Cafe” gleich nebenan. An den Wochenenden finden oft “concours amicals”, kleine Wettbewerbe, statt. Startgebühr: etwa 5 Euro.

(aus der Zeitschrift: Stern)